Altmärkischer Geschichtsverein
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Frühjahrstagung 2022 Gardelegen

Bereits im Jahr 2020 sollte die Frühjahrstagung in Gardelegen stattfinden, aber durch die Einschränkungen im Rahmen der Corona-Pandemie gelang es erst jetzt, die Veranstaltung am 7. Mai 2022 im Schützenhaus Gardelegen durchzuführen. Unsere Vorsitzende Sigrid Brückner eröffnete um 10 Uhr die Tagung, zu der sich nach der Anwesenheitsliste 27 Interessierte eingefunden hatten, darunter 11 Gäste aus Gardelegen. Zu den Gästen gehörten die Gardelegener Bürgermeisterin Mandy Schumacher und Dr. Hans-Joachim Becker, Vorsitzender des Kreisverbands Altmarkkreis Salzwedel des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge.


( Ehrenhalle im Salzwedel Burggarten)



Einleitend verwies Frau Brückner angesichts des Ukraine-Konflikts auf die traurige Aktualität des heutigen Tagungsthemas. Während der Herbsttagung 2021 sollte unser langjähriger Vereinsvorsitzender Herr Prof. Dr. von Barsewisch zum Ehrenmitglied ernannt werden, allerdings unterblieb die dafür nach der Satzung erforderliche Abstimmung der Mitgliederversammlung. Das wurde jetzt nachgeholt – die anwesenden Mitglieder bekundeten durch Erheben der Hand einstimmig ihren Willen, Herrn Prof. Dr. Bernhard von Barsewisch für seine langjährigen Verdienste um den „Altmärkischen Verein für vaterländische Geschichte zu Salzwedel e. V.“ zum Ehrenmitglied des Vereins zu ernennen. Gegenstimmen und Enthaltungen gab es nicht. Mit dem Hinweis auf den Büchertisch und auf einen weiteren Tisch, auf dem unser Vereinsmitglied Ralf-Stephan Rabe Kopien und Literatur zu seinem Vortrag präsentierte, übergab Frau Brückner die Tagungsleitung an den stellvertretenden Vorsitzenden Torsten Haarseim, nicht ohne sich bei ihm für die hervorragende Vorbereitung der Tagung zu bedanken.


(links Herr Maurice Philip Remy, rechts Prof. v. Barsewisch)


(Mumie des Feldmarschalls Keith (Adolph von Menzel))

Herr Haarseim fragte zunächst die Wünsche für das Mittagessen ab (drei Gerichte standen zur Auswahl, darunter ein vegetarisches Gericht) und begann dann mit seinem ersten Vortrag „Gardelegen in der NS-Zeit“. Einleitend stellte er die Frage, ob Gardelegen in der Zeit des Nationalsozialismus eine ganz normale Stadt gewesen sei und beantwortete sie selbst mit ja und nein. In seinem ersten Vortrag ging es um die Aspekte der Gardelegener Geschichte der NS-Zeit, die sich mit Städten ähnlicher Größe vergleichen lassen. Bei der Frage, wann man mit einem Vortrag über die Zeit des Nationalsozialismus beginnen solle, wies er darauf hin, daß bereits in der Weimarer Zeit eine starke Stahlhelm-Ortsgruppe in Gardelegen bestand, zumal sich der Stahlhelm-Bundesführer Franz Seldte zeitweilig in Gardelegen aufgehalten habe. Ihm zu Ehren wurde in der NS-Zeit die Marktstraße in Franz-Seldte-Straße umbenannt. Im September 1933 fand in Gardelegen eine „Braune Messe“ statt, was man mit einem kulturellen Ereignis, nämlich der Eröffnung des Heimatmuseums, verknüpfte. Die Gardelegener Lokalausgabe der NS-Gauzeitung „Der Mitteldeutsche“ nannte sich „Gardeleger Tagespost“. Aus dem Jahr 1934 stammt ein Dankschreiben Adolf Hitlers für die Verleihung der Ehrenbürgerschaft von Gardelegen. Mit der BDM-Obergau-Führerinnenschule in der Waldschnibbe existierte seit April 1938 auch eine überregional wichtige politische Schulungseinrichtung in Gardelegen. Während der NS-Zeit gab es in Gardelegen drei militärische Einrichtungen. Die sogenannte „Remonteschule“ (eigentlich: „Wehrkreis Reit- und Fahrschule XI Gardelegen) knüpfte an militärische Traditionen der Kaiserzeit an, da in Gardelegen Teile des Ulanenregiments Nr. 16 (Altm.) „Hennigs von Treffenfeld“ stationiert waren. Leiter der Remonteschule war Oberstleutnant Walter von Issendorff. Obwohl die Zeit der berittenen militärischen Einheiten schon vorbei war, verendeten im II. Weltkrieg noch über 8 Millionen Pferde, die vor allem als Last- und Zugpferde eingesetzt worden waren. Die größte militärische Einrichtung Gardelegens in der NS-Zeit war der Fliegerhorst mit zwei Vorwerken und einem Luftpark. Er war u. a. Stützpunkt für verschiedene Kampf- und Jagdgeschwader, Reparaturstandort für Flugzeuge des Typs Messerschmitt Me 323 „Gigant“ und Stützpunkt zur Ausbildung von „Mistelgespann“-Führern. Die Besetzung des Fliegerhorsts Gardelegen durch amerikanische Truppen erfolgte am 14. April 1945. Die dritte militärische Einrichtung Gardelegens war die Fallschirmjägerkaserne. Gardelegener Einheiten nahmen an der Luftlandeoperation zur Besetzung der Insel Kreta teil, weswegen am 2. Juli 1941 eine „Den Siegern von Kreta“ gewidmete Parade organisiert wurde. Die Stadt Gardelegen gab für die Kretakämpfer einen künstlerisch verzierten Ehrenkrug heraus, heute ein gesuchtes Sammlerstück. Nach dem bisherigen Kenntnisstand gab es von 1933 bis 1945 drei Kreisleiter der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) für den Kreis Gardelegen. Zunächst einen Dr. Kranzler, über den wenig bekannt ist, dann lange Zeit (etwa von 1935 bis 1944) Willy Fischbeck und schließlich (wenn auch nur mit der Leitung der NSDAP beauftragt) Gerhard Thiele. Um 1933 herum lebten etwa 50 Juden in Gardelegen, die, wie überall in Deutschland, immer stärkeren Beschränkungen und Schikanen unterworfen wurden. Ab August 1941 wurde die sogenannte „Blausche Villa“, in einem Vorort von Gardelegen, als zentrales Wohnhaus für die noch in Gardelegen verbliebenen jüdischen Einwohner genutzt. Seit 2014 wurden zur Erinnerung an die jüdischen Einwohner Gardelegens durch den Kölner Künstler Gunter Demnig bislang 41 Stolpersteine verlegt, wobei noch im Mai 2022 weitere Stolpersteine verlegt werden sollen. Sichtbare Zeugnisse des II. Weltkriegs sind noch heute Luftschutz-Kellerabdeckungen von Mannesmann im Stadtgebiet. Am 15. März 1945 gab es einen Bombenangriff auf das Bahnhofsgebiet von Gardelegen, wobei einzelne Bomben auch andere Teile der Stadt trafen, so z. B. die Nikolaikirche und das Jerichowsche Haus. Durch einen Volltreffer gab es im Luftschutzkeller dieses Hauses 50 Tote. Abschließend berichtete Herr Haarseim noch von einer Recherche aus dem Jahr 2015. Gesucht wurde nach einem deutschen Flieger Peter Schäfer, der am 7. Juli 1944 in Gardelegen abgeschossen wurde. An diesem Tag war es beim Fliegerhorst zu heftigen Luftkämpfen mit amerikanischen Jagdfliegern gekommen, bei denen insgesamt 10 deutsche Flugzeuge abgeschossen wurden, 6 davon allein von Fred J. Christensen. Ein Zeitzeuge, der Flieger Johannes Lachmund, der vor dem Ausbruch der Luftkämpfe noch auf dem Fliegerhorst Gardelegen gelandet war, lebte 2015 mit 92 Jahren noch in Haldensleben. Nach einer kurzen Pause, die für Gespräche und für den Besuch des Büchertischs und ausgelegter Dokumente genutzt werden konnte, hielt Herr Haarseim seinen zweiten Vortrag zum Thema „Das Massaker in der Feldscheune Isenschnibbe“. Einleitend berichtete er, daß es in Deutschland insgesamt 15 KZ-Hauptlager mit rund 500 Außenlagern gab und daß sich im Januar 1945 insgesamt noch rund 714 000 Häftlinge in deutschen Konzentrationslagern befanden. Der eigentliche Ausgangspunkt für das Massaker in der Feldscheune Isenschnibbe war das Konzentrationslager Mittelbau-Dora bei Nordhausen am Südhang des Berges Kohnstein. In den Schächten des Berges wurden durch KZ-Häftlinge zunächst V1-Marschflugkörper (Fieseler Fi-103), später auch die ballistischen Raketen V2 gebaut. Die Räumung des KZ Mittelbau-Dora begann am 4. April 1945. Weitere KZ-Häftlinge kamen aus dem Außenlager Hannover-Stöcken des Konzentrationslagers Neuengamme. Dieses Außenlager diente der Rüstungsproduktion der AFA Akkumulatorenfabrik der Familie Quandt. Die Häftlinge aus Nordhausen und Hannover-Stöcken wurden zunächst mit Transportzügen zu den Bahnhöfen Mieste und Letzlingen gebracht. Mehrere Zugtransporte kamen vom 8. bis 11. April 1945 in Mieste an, insgesamt 54 Waggons mit ca. 2000 KZ-Häftlingen. Ranghöchster Transportführer in Mieste war der SS-Hauptscharführer Erhard Brauny. Amerikanische Panzer fuhren am 11. April 1945 an Mieste vorbei und erreichten am 12. April die Elbe. In Mieste wurden insgesamt 86 KZ-Häftlinge bestattet. Auf dem Bahnhof Letzlingen trafen am 11. April 1945 weitere 1100 KZ-Häftlinge ein, die gleichfalls nach Gardelegen geführt wurden. Die Häftlinge, die Gardelegen erreicht hatten, wurden zunächst im Schützenhaus untergebracht und dann in die Remonteschule verlegt. Auf Befehl von Gerhard Thiele, der damals mit der Leitung der NSDAP im Kreis Gardelegen beauftragt war (d. h. genau genommen weder offiziell noch kommissarisch NSDAP-Kreisleiter war), wurden die Häftlinge am 13. April 1945 aus der Remonteschule in die Feldscheune Isenschnibbe getrieben, die dann gegen 19 Uhr von SS-Leuten angezündet wurde. Das Massaker forderte insgesamt 1016 Todesopfer, nur 25 Häftlinge überlebten unter den Leichenbergen. Während amerikanische Truppen am 14. April den Fliegerhorst und die Fallschirmjägerkaserne einnahmen, waren am Morgen und Vormittag noch Angehörige des Volkssturms mit dem Vergraben der Leichen beschäftigt, allerdings wurde die Beisetzung in Massengräbern nicht abgeschlossen. Als die Amerikaner den Ort des Massakers erreichten, fanden sie in Massengräbern 586 Tote, in der Feldscheune weitere 430 Leichen. Der kommandierende General verpflichtete die männlichen Einwohner Gardelegens vom Hitlerjungen bis zum Volkssturmmann zur Umbettung der Leichen bzw. zur Beisetzung in Einzelgräbern. Nur bei 305 Opfern war durch die Häftlingsnummern eine Identifikation möglich. Die offizielle Weihe des Gräberfeldes fand am 25. April 1945 durch Geistliche verschiedener Konfessionen statt. Die Amerikaner waren bis Juni in Gardelegen, dann kurzzeitig Schotten und ab 3. Juli 1945 dann sowjetische Truppen. Die Amerikaner hatten zunächst Einzelpersonen zur Grabpflege verpflichtet; sobald sie durch Alter oder Tod ausfielen, sollten andere Familienangehörige die Verpflichtung übernehmen. Mit dem Einmarsch der Roten Armee am 3. Juli wurde die Einzelgrabpflege an die Stadtverwaltung übertragen, die die Grabpflege anfänglich durch eine Gebühr finanzierte, die die ehemaligen NSDAP-Mitglieder zu zahlen hatten. Die Klärung von Einzelschicksalen war teilweise erst Jahre später möglich – so wurde Frans Jonghbloet aus Belgien von seinen Angehörigen auf einem der Fotos identifiziert, die die amerikanischen Fotografen von den Opfern in der Feldscheune Isenschnibbe angefertigt hatten. Herr Haarseim hatte seine beiden Vorträge ein wenig gestrafft, um noch Zeit für einen Kurzvortrag unseres Mitglieds Ralf-Stephan Rabe aus Brandenburg an der Havel zu gewinnen. Die Zeit für die technischen Vorbereitungen nutzte Herr Dr. Gerhard Ruff aus Salzwedel, um die Anwesenden im Namen des „Fördervereins zur Rettung der Epitaphe der ehemaligen Klosterkirche Dambeck e. V.“ zu einem Kolloquium einzuladen, das am Sonnabend, den 3. September 2022, in der Mönchskirche Salzwedel stattfinden soll, wo sich seit 2020 die beiden Epitaphe für die Brüder Albrecht IV. und Werner XVII. von der Schulenburg befinden. Von 9 bis 15 Uhr sind 8 Vorträge von den an der Wiederaufstellung der Epitaphe beteiligten Restauratoren und mehreren Wissenschaftlern aus Magdeburg, Münster und Halle an der Saale vorgesehen, danach findet eine Exkursion zur Klosterkirche Dambeck statt. Für die Teilnahme an der Tagung wird eine Tagungsgebühr von 10 Euro erhoben. Im Anschluß an die Tagungseinladung hielt dann Herr Rabe seinen Vortrag „Das Massaker von Gardelegen-Isenschnibbe am 13. April 1945. Versuche der juristischen Bewältigung durch die 9. US-Armee, von 1945 bis 1949 und in der DDR“. Er hatte durch seine zeitweilige Tätigkeit in der Stasi-Unterlagen-Behörde in Potsdam Möglichkeiten zur Forschung in den Unterlagen des früheren „Ministeriums für Staatssicherheit“ der DDR. Ausgangspunkt seiner Forschung in den MfS-Unterlagen war zunächst die Frage, ob sich das Ministerium für Staatssicherheit als Untersuchungsorgan mit der Erschießung des Parlamentärs Dr. Albert Steinert aus Seehausen auf Befehl des faschistischen Kampfkommandanten von Wittenberge befaßt hatte. Das war allerdings nicht der Fall. Einen ausführlichen amerikanischen Untersuchungsbericht zum Massaker von Gardelegen verfaßte Lieutenant Colonel Edward E. Cruise am 24. Mai 1945. Dieser Bericht umfaßt 15 Seiten und 56 Punkte. Die DDR-Untersuchungsorgane nahmen ihre Ermittlungen zum Massaker von Isenschnibbe am 13. Mai 1950 auf, konnten allerdings die Ermittlungen nicht abschließen. Der echte Gerhard Thiele wurde erst nach der Wende entdeckt und war inzwischen in der BRD gestorben. 1984 veröffentlichte die SED-Kreisleitung Gardelegen erstmals eine Broschüre zum Massaker von Gardelegen.


(Dr. Gerhard Ruff bei seinem Vortrag)


(Glocke von Simander, Kraberg 1699)

Nach dem Mittagessen fuhren die noch verbliebenen Teilnehmer der Tagung (vor allem Mitglieder) in Gemeinschaft zur Mahn- und Gedenkstätte Isenschnibbe. Das Dokumentationszentrum hat Sonnabends nicht geöffnet, so führte uns Herr Haarseim über die Freifläche, zunächst an den Gedenksteinen für die einzelnen Nationen und den neuen Infotafeln vorbei zu einem schon in der DDR-Zeit errichteten Schutzdach, wo wir zwei kurze Regenschauer abwarteten. Dann ging es weiter zu der erhalten gebliebenen Wand der Feldscheune. Dahinter sind die Dimensionen der Feldscheune noch im aufgemauerten Fundament zu erkennen. Von dort aus ging es zur Grabstätte mit den 1016 Einzelgräbern. Die namentlich identifizierten Häftlinge können in einem „Gedenkbuch“ mit Metallseiten nachgeschlagen werden. Allerdings sind dort nur die auch auf den Einzelgräbern (mit Kreuz oder Davidstern versehen) vermerkten Häftlingsnummern angegeben; die genaue Grablage ist nicht ersichtlich. Vielleicht wäre der Nachweis der Position der Grabstätten der identifizierten Häftlinge am einfachsten softwaremäßig auf der Homepage der Mahn- und Gedenkstätte möglich. Von der Mahn- und Gedenkstätte aus traten weitere Teilnehmer die Rückreise an, so daß am Kaffeetrinken im Café am Rathaus, das organisatorisch den Abschluß der Frühjahrstagung bilden sollte, wohl nur noch 4 Personen teilnahmen. Abschließend sollte auch noch erwähnt werden, daß das Ministerium für Inneres und Sport des Landes Sachsen-Anhalt in diesem Jahr eine zweibändige Dokumentation unter dem Titel „Orte des Gedenkens und des Lernens. Die Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1952 auf dem Gebiet des heutigen Landes Sachsen-Anhalt – eine Bestandsaufnahme“ veröffentlicht hat, die natürlich auch die Mahn- und Gedenkstätte Isenschnibbe berücksichtigt (im Band 1 auf den Seiten 143 bis 146). Die „Altmark-Zeitung“ hat dieses Werk genau in der Ausgabe vom 7. Mai 2022 (also vom Tagungstag) vorgestellt.


(Ausstellungsplakat Stadt und Recht)